Bevor ich sterbe

Bevor ich sterbe, meine Tochter,
möchte ich sicher sein, dass ich Dich gelehrt habe, die Liebe zu genießen,
Deine Ängste zu überwinden und auf Deine eigene Kraft zu vertrauen,
Dich vom Leben begeistern zu lassen,
um Hilfe zu bitten, wenn Du sie brauchst,
zu sprechen oder zu schweigen, je nach dem, wie es Dir passt,
Deine eigene Freundin zu sein,
keine Angst davor zu haben, Dich lächerlich zu machen,
Dir bewusst zu sein, wie sehr Du es verdienst, geliebt zu werden,
Deine eigenen Entscheidungen zu treffen,
die Anerkennung für Deine eigenen Erfolge Dir zuzuschreiben,
das Verlangen nach der Zustimmung Anderer zu überwinden,
nicht die Verantwortungen für Alles zu übernehmen,
Deine eigene Gefühle wahrzunehmen und daraufhin zu handeln,
zu geben, weil Du es willst und nie weil Du Dich verpflichtet fühlst.
Bevor ich sterbe, meine Tochter,
möchte ich sicher sein, dass ich Dich gelehrt habe,
eine angemessene Bezahlung für Deine Arbeit zu fordern,
Deine Grenzen und Deine Verletzlichkeit ohne Zorn zu akzeptieren,
weder anderen Deine Meinung auf zu erlegen noch zu erlauben, dass andere das mit Dir tun,
“Ja” zu sagen, nur wenn Du das willst, aber auch ohne Schuldgefühle“Nein”,
mehr Risiken einzugehen,
die Veränderungen zu akzeptieren und Deine Glaubensätze zu überprüfen,
die Menschen respektvoll zu behandeln und zu fordern, dass sie Dich genau so behandeln,
Dein Glas als erstes zu füllen und erst danach das der anderen,
die Zukunft zu planen, ohne abhängig von ihr zu leben,

Claudia, meine Tochter, ich würde gerne sicher sein,
dass Du gelernt hast, Deine Intuition zu schätzen,
dass Du die geschlechtlichen Unterschiede zelebrierst,
dass Du Mitgefühl und Vergebung als Deine Prioritäten setzt,
dass Du Dich so akzeptierst, wie Du bist,
dass Du beim Lernen von den Begegnungen und Misserfolgen wächst,
dass Du Dir erlaubst, auf der Straße und ohne Grund laut zu lachen.
Aber vor allem, meine Tochter,
weil ich Dich über alles auf der Welt liebe,
möchte ich gerne sicher sein, Dir gelehrt zu haben,
niemanden zu vergöttern,
und mich, am wenigsten von Allen.

Jorge Bucay